| |
Brieg, den 10. Abends.
Von unserm heutigen Weg kann ich wenig erzählen, ausgenommen, wenn Sie
mit einer weitläuftigen Wettergeschichte sich wollen unterhalten
lassen. Wir gingen in Gesellschaft eines schwäbischen Metzgerknechtes,
der sich hierher verloren, in Leuk Condition gefunden hatte und eine
Art von Hanswurst machte, unser Gepäck auf ein Maulthier geladen, das
sein Herr vor sich hertrieb, gegen Eilf von Leuk ab. Hinter uns, so
weit wir in's Wallisthal hineinsehen konnten, lag es mit dicken
Schnee-Wolken bedeckt, die das Land herauf gezogen kamen. Es war
wirklich ein trüber Anblick und ich befürchtete in der Stille, daß, ob
es gleich so hell vor uns aufwärts war als wie im Lande Gosen, uns
doch die Wolken bald einholen, und wir vielleicht im Grunde des Wallis
an beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, von Wolken zugedeckt und
die Sorge, die sich meistentheils des einen Ohrs bemeistert.
Auf der andern Seite sprach der gute Muth mit weit zuverlässigerer
Stimme, verwies mir meinen Unglauben, hielt mir das Vergangene vor und
machte mich auch auf die gegenwärtigen Lufterscheinungen aufmerksam.
Wir gingen dem schönen Wetter immer entgegen; die Rhone hinauf war
alles heiter, und so stark der Abendwind das Gewölk hinter uns her
trieb, so konnte es uns doch niemals erreichen. Die Ursache war diese:
In das Wallisthal gehen, wie ich schon so oft gesagt, sehr viele
Schluchten des benachbarten Gebirges aus und ergießen sich wie kleine
Bäche in den großen Strom, wie denn auch alle ihre Gewässer in der
Rhone zusammen laufen. Aus jeder solcher Öffnung streicht ein Zugwind,
der sich in den innern Thälern und Krümmungen erzeugt. Wie nun der
Hauptzug der Wolken das Thal herauf an so eine Schlucht kommt, so läßt
die Zugluft die Wolken nicht vorbei, sondern kämpft mit ihnen und dem
Winde der sie trägt, hält sie auf und macht ihnen wohl Stunden lang
den Weg streitig. Diesem Kampf sahen wir oft zu, und wenn wir
glaubten, von ihnen überzogen zu werden, so fanden sie wieder ein
solches Hinderniß, und wenn wir eine Stunde gegangen waren, konnten
sie noch kaum vom Fleck. Gegen Abend ward der Himmel außerordentlich
schön. Als wir uns Brieg näherten, trafen die Wolken fast zu gleicher
Zeit mit uns ein; doch mußten sie, weil die Sonne untergegangen war
und ihnen nunmehr ein packender Morgenwind entgegen kam, stille stehen,
und machten von einem Berge zum andern einen großen halben Mond über
das Thal. Sie waren von der kalten Luft zur Consistenz gebracht und
hatten, da wo sich ihr Saum gegen den blauen Himmel zeichnete, schöne
leichte und muntere Formen. Man sah daß sie Schnee enthielten, doch
scheint uns die frische Luft zu verheißen, daß diese Nacht nicht viel
fallen soll. Wir haben ein ganz artiges Wirthshaus und, was uns zu
großem Vergnügen dient, in einer geräumigen Stube ein Kamin
angetroffen; wir sitzen am Feuer und machen Rathschläge wegen unserer
weiteren Reise. Hier in Brieg geht die gewöhnliche Straße über den
Simplon nach Italien; wenn wir also unsern Gedanken, über die Furka
auf den Gotthard zu gehen, aufgeben wollten, so gingen wir mit
gemietheten Pferden und Maulthieren auf Domo d'ossola, Margozzo,
führen den Lago maggiore hinaufwärts, dann auf Bellinzona und so
weiter den Gotthard hinauf, über Airolo zu den Kapuzinern.
Dieser Weg ist den ganzen Winter über gebahnt und mit Pferden bequem
zu machen, doch scheint er unserer Vorstellung, da er in unserm Plane
|  |
|
| |
|
|