| |
herauf, bis sie an die höchsten Gipfel der Berge reichen; von diesen
angezogen scheinen sie sich zu verdicken und von der Kälte gepackt in
Gestalt des Schnees niederzufallen. Es ist eine unaussprechliche
Einsamkeit hier oben, in so großer Höhe doch noch wie in einem Brunnen
zu sein, wo man nur vorwärts durch die Abgründe einen Fußpfad hinaus
vermuthet. Die Wolken, die sich hier in diesem Sacke stoßen, die
ungeheuren Felsen bald zudecken und in eine undurchdringliche öde
Dämmerung verschlingen, bald Theile davon wieder als Gespenster sehen
lassen, geben dem Zustand ein trauriges Leben. Man ist voller Ahnung
bei diesen Wirkungen der Natur. Die Wolken, eine dem Menschen von
Jugend auf so merkwürdige Lufterscheinung, ist man in dem platten
Lande doch nur als etwas Fremdes, Überirdisches anzusehen gewohnt.
Man betrachtet sie nur als Gäste, als Streichvögel, die, unter einem
andern Himmel geboren, von dieser oder jener Gegend bei uns
augenblicklich vorbeigezogen kommen; als prächtige Teppiche, womit di e
Götter ihre Herrlichkeit vor unsern Augen verschließen. Hier aber ist
man von ihnen selbst wie sie sich erzeugen eingehüllt, und die ewige
innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve
bewegen. Auf die Nebel, die bei uns eben diese Wirkungen
hervorbringen, gibt man weniger Acht; auch weil sie uns weniger vor's
Auge gedrängt sind, ist ihre Wirthschaft schwerer zu beobachten. Bei
allen diesen Gegenständen wünscht man nur länger sich verweilen und an
solchen Orten mehrere Tage zubringen zu können; ja ist man ein
Liebhaber von dergleichen Betrachtungen, so wird der Wunsch immer
lebhafter, wenn man bedenkt, daß jede Jahrszeit, Tagszeit und
Witterung neue Erscheinungen, die man gar nicht erwartet,
hervorbringen muß. Und wie in jedem Menschen, auch selbst dem
gemeinen, sonderbare Spuren übrig bleiben, wenn er bei großen
ungewöhnlichen Handlungen etwa einmal gegenwärtig gewesen ist; wie er
sich von diesem einen Flecke gleichsam größer fühlt, unermüdlich eben
dasselbe erzählend wiederholt, und so, auf jene Weise, einen Schatz
für sein ganzes Leben gewonnen hat: so ist es auch dem Menschen, der
solche große Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut
geworden ist. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu bewahren, sie mit
andern Empfindungen und Gedanken, die in ihm entstehen, zu verbinden
weiß, gewiß einen Vorrath von Gewürz, womit er den unschmackhaften
Theil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen
durchziehenden guten Geschmack geben kann.
Ich bemerke, daß ich in meinem Schreiben der Menschen wenig erwähne;
sie sind auch unter diesen großen Gegenständen der Natur, besonders im
Vorbeigehen, minder merkwürdig. Ich zweifle nicht, daß man bei
längerm Aufenthalt gar interessante und gute Leute finden würde. Eins
glaub' ich überall zu bemerken: je weiter man von der Landstraße und
dem größern Gewerbe der Menschen abkömmt, je mehr in den Gebirgen die
Menschen beschränkt, abgeschnitten und auf die allerersten Bedürfnisse
des Lebens zurückgewiesen sind, je mehr sie sich von einem einfachen,
langsamen, unveränderlichen Erwerbe nähren; desto besser, willfähriger,
freundlicher, uneigennütziger, gastfreier bei ihrer Armuth hab' ich
sie gefunden.
Leukerbad, den 10. Nov.
|  |
|
| |
|
|