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Chamouni, den 4. Nov.
Abends gegen Neun.
Nur daß ich mit diesem Blatt Ihnen um so viel näher rücken kann, nehme
ich die Feder; sonst wäre es besser meine Geister ruhen zu lassen.
Wir ließen Salenche in einem schönen offnen Thale hinter uns, der
Himmel hatte sich während unsrer Mittagrast mit weißen Schäfchen
überzogen, von denen ich hier eine besondere Anmerkung machen muß.
Wir haben sie so schön und noch schöner an einem heitern Tag von den
Berner Eisbergen aufsteigen sehen. Auch hier schien es uns wieder so,
als wenn die Sonne die leisesten Ausdünstungen von den höchsten
Schneegebirgen gegen sich aufzöge, und diese ganz feinen Dünste von
einer leichten Luft, wie eine Schaumwolle, durch die Atmosphäre
gekämmt würden. Ich erinnere mich nie in den höchsten Sommertagen,
bei uns, wo dergleichen Lufterscheinungen auch vorkommen, etwas so
Durchsichtiges, Leichtgewobenes gesehen zu haben. Schon sahen wir die
Schneegebirge, von denen sie aufsteigen, vor uns, das Thal fing an zu
stocken, die Arve schoß aus einer Felskluft hervor, wir mußten einen
Berg hinan und wanden uns, die Schneegebirge rechts vor uns, immer
höher. Abwechselnde Berge, alte Fichtenwälder zeigten sich uns rechts,
theils in der Tiefe, theils in gleicher Höhe mit uns. Links über uns
waren die Gipfel des Bergs kahl und spitzig.
Wir fühlten, daß wir einem stärkern und mächtigern Satz von Bergen
immer näher rückten. Wir kamen über ein breites trocknes Bett von
Kieseln und Steinen, das die Wasserfluthen die Länge des Berges hinab
zerreißen und wieder füllen; von da in ein sehr angenehmes,
rundgeschlossenes, flaches Thal, worin das Dörfchen Serves liegt. Von
da geht der Weg um einige sehr bunte Felsen, wieder gegen die Arve.
Wenn man über sie weg ist, steigt man einen Berg hinan, die Massen
werden hier immer größer, die Natur hat hier mit sachter Hand das
Ungeheure zu bereiten angefangen.
Es wurde dunkler, wir kamen dem Thale Chamouni näher und endlich
darein. Nur die großen Massen waren uns sichtbar. Die Sterne gingen
nach einander auf und wir bemerkten über den Gipfeln der Berge, rechts
vor uns, ein Licht, das wir nicht erklären konnten. Hell, ohne Glanz
wie die Milchstraße, doch dichter, fast wie die Plejaden, nur größer,
unterhielt es lange unsere Aufmerksamkeit, bis es endlich, da wir
unsern Standpunct änderten, wie eine Pyramide, von einem innern
geheimnißvollen Lichte durchzogen, das dem Schein eines Johanniswurms
am besten verglichen werden kann, über den Gipfeln aller Berge
hervorragte und uns gewiß machte, daß es der Gipfel des Montblanc war.
Es war die Schönheit dieses Anblicks ganz außerordentlich; denn, da
er mit den Sternen, die um ihn herumstunden, zwar nicht in gleich
raschem Licht, doch in einer breitern zusammenhängendern Masse
leuchtete, so schien er den Augen zu einer höhern Sphäre zu gehören
und man hatte Müh', in Gedanken seine Wurzeln wieder an die Erde zu
befestigen. Vor ihm sahen wir eine Reihe von Schneegebirgen
dämmernder auf den Rücken von schwarzen Fichtenbergen liegen und
ungeheure Gletscher zwischen den schwarzen Wäldern herunter in's Thal
steigen. Meine Beschreibung fängt an unordentlich und ängstlich zu
werden; auch brauchte es eigentlich immer zwei Menschen, einen der's
sähe und einen der's beschriebe. Wir sind hier in dem mittelsten
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